Leonardo Tonini 

kam 1974 in Castiglione delle Stiviere zur Welt. Als Dichter, Herausgeber und Kulturschaffender publizierte er Kurzgeschichten und Gedichte und schrieb und u.a. über Ungaretti, Deleuze, Pinter, Spinoza und Sloterdijk. Er ist Mitbegründer des «Movimento Sannixista» und Leiter des Verlagshauses Gattogrigio. Im Jahr 2016 wurde er mit dem Literaturpreis Premio Masciadri (Aarau, CH) für seine Verdienste in der Kulturförderung ausgezeichnet. Im Jahr 2019 wurde eines seiner Gedichte vom italienischen Komponisten Stefano Ghisleri vertont und in Stockholm im Rahmen der «Woche der italienischen Sprache» uraufgeführt..Im Jahr 2020 veröffentlichte er den Gedichtband «Tutto il resto resta» (Controluna). Er schreibt für mehrere Lyrik- und Filmzeitschriften. Seine Artikel und seine Gedichte wurden ins Griechische, Deutsche und Schwedische übersetzt.

+39 347 65 79 759 / pescidellinconscio@yahoo.it / @gattogrigio_editore

Siriana

[…] vix adducor ut, ante quam commune malum fieret foedumque, futurum non quierint animo praesentire atque videre.

(…a stento posso indurmi a credere che non abbiamo potuto presentire e vedere con la mente, prima che avvenisse, l’atroce male che li avrebbe colpiti tutti.)

Lucrezio, De rerum natura, liber V


1

rimarrò tutto il tempo necessario

finché non mi dirai: il lavoro è fatto.


quindi alzai gli occhi e vidi

la presenza occupare l’orizzonte,

davanti e dietro e sopra di me.


non so leggere: rispose Muhammad


vi è un digiuno del corpo e

un digiuno della mente da tutti i pensieri impuri;

nel terzo digiuno ci si astiene

dalle preoccupazioni terrene.


2

ti bagnasti nell’Eufrate

per dimostrare qualcosa a te stessa

incurante dei pannolini sporchi

e di me e di Mahmud fermi all’asciutto

non ti toccava l’infinita deriva

delle divagazioni e l’attraversato

deserto di calcite e il librante

rapace che col suo occhio di delirio

ci bramava dall’alto di una duna

di pietre; no, tu nell’Eufrate solo

cercavi rivelazione e schiettezza

impedita come eri dalle vesti


3

di tutte le fotografie, ogni cosa

ci ricorda qualcosa. il nostro viaggio

ridotto a una tenda: fa ridere

il bambino. hanno cercato di

sabotarci: immagini si sovrappongono a

immagini: nel palinsesto

la stupidità della specie, e sangue

la strage irriga. di tanto non è rimasto

tanto: di altro, ancora meno.


4

Rasafa

forse non so fanno bene

a distruggere tutto

cancellare memoria

di ittiti seleucidi e romani

troppa è la distanza che ci separa

da queste pietre pascoli

di nuvole e capre

i poeti intanto gli illusi

provano a tradurre

la lingua degli uccelli

ma tu a Rasafa hai capito

che nessuno ti risponde


5

non un indizio: come

di notte le vertebre. all’improvviso

la ghiaietta sulla strada,

il termine troppo usato:

vita: come a dire tutto o

niente, o weltanschauung. tra

respiri e ciò che segue. hanno

acceso la luce della tua stanza.

nel crollo non puoi che rimpiangere.


6

ad Hama c’erano grandi ruote

di legno, traevano dall’Oronte l’acqua

per la città, come nel medioevo

diceva la guida; i ragazzi salivano

e si facevano portare in alto e da lì

si gettavano in picchiata, sfiorando

le pale e i turbini, anche il mio cuore

era con loro ed era ogni volta un tuffo.


7

vecchi, il nostro destino è fallire

e non vedere la luce delle cose

ma sono belli i vostri visi antichi

in questa sera, belli voi che pur

conoscendo la morte, sorridete.


Leonardo Tonini

Siriana

Leonardo Tonini

Nadia und ich besuchten Syrien im Spätsommer 2010. Es war eine ausserordentlich schöne Reise. Weder wir noch sonst jemand hatte eine Ahnung vom Krieg, der bald ausbrechen würde. Als sich die Situation zuspitzte, waren wir über die Bilder in den Nachrichten bestürzt. Das Syrien, über das berichtet wurde, war nicht unser Syrien – jenes, das wir vor Augen hatten und das wir für immer in unseren Herzen tragen.

1

ich werde bleiben so lange wie nötig

bis du mir nicht sagen wirst: die Arbeit ist getan.


also hob ich die Augen und sah

die Gegenwart den Horizont einnehmen,

vor und hinter und über mir.


ich kann nicht lesen: antwortete Mohammed


es gibt ein Fasten des Körpers und

ein Fasten des Geistes von allen unreinen Gedanken;

beim dritten Fasten enthält man sich

der irdischen Sorgen.


2

du hast im Euphrat gebadet

um dir selbst etwas zu beweisen

ungeachtet der dreckigen Windeln

und meiner und Mahmuds, beide auf dem Trockenen regungslos

es berührte dich nicht die endlose Drift

der Abschweifungen und die durchquerte

Kalkspatwüste und der schwebende Raub-

Vogel, der mit seinem Auge des Rausches

uns begehrte von oberhalb einer Düne

aus Steinen; nein, im Euphrat suchtest du

einzig Offenbarung und Lauterkeit

gehindert wie du warst durch das Gewand


3

auf allen Fotografien, jede Sache

erinnert uns an etwas. unsere Reise

die nur noch Vorhang ist: bringt zum Lachen

das Kind. sie versuchten uns

zu sabotieren: Bilder legen sich über

Bilder: im Palimpsest

die Dummheit der Gattung, und Blut

durchrinnt das Massaker. von vielem ist nicht viel

geblieben: von anderem, noch weniger.


4

Rasafa

vielleicht ich weiß es nicht tun sie gut daran

alles zu zerstören

auszulöschen die Erinnerung

an die Hethiter Seleukiden und Römer

zu groß ist die Entfernung die uns trennt

von diesen Steinen Weiden

von Wolken und Ziegen

die Dichter derweil die Getäuschten

versuchen die Sprache der Vögel

zu übersetzen

aber du in Rasafa hast verstanden

dass dir keiner Antwort gibt


5

kein einziges Indiz: wie

nachts die Wirbel. plötzlich

der Schotter auf der Straße,

das abgenutzte Wort:

Leben: als sagte man alles oder

nichts, oder Weltanschauung. zwischen

Atemzügen und dem was folgt. sie haben

in deinem Zimmer Licht gemacht.


6

in Hama gab es große Räder

aus Holz, sie schöpften aus dem Orontes Wasser

für die Stadt, wie im Mittelalter

sagte der Fremdenführer; die Jungen stiegen auf

und ließen sich hinauftragen und warfen sich

von dort im Sturzflug hinab, streiften

die Schaufeln und die Wirbel, auch mein Herz

war bei ihnen und es war jedes Mal ein Sprung.


ihr Alten, unser Schicksal ist Scheitern

und nicht, das Licht der Dinge zu sehen

doch sie sind schön, eure altertümlichen Gesichter

an diesem Abend, schön seid ihr,

lächelnd obwohl ihr den Tod kennt.


Anmerkungen

1 ich werde bleiben so lange wie nötig – Lektüre des Korans und eines Essays über den Islam. Fast Notizen, ich habe sie als Incipit gesetzt. Die Dichtkunst erfordert drei Arten des Fastens, um verstanden zu werden. Mohammeds Vision erinnerte mich an die meinige, die mich dazu bewog, diese Gedichte zu schreiben, aber meine war keine Vision im engeren Sinne, auch nicht religiöser Art, sondern eher ein Moment des Bewusstseins der Welt, der Realität der Welt oder eines Gottes im spinozaischen Sinn.

2 du hast im Euphrat gebadet – Nadia konnte dem Euphrat nicht widerstehen und sprang ins Wasser. Sie hätte sich auch ausgezogen, aber die spießbürgerliche Moral der modernen Muslime (dies war nicht immer so, ganz im Gegenteil!) erlaubte es ihr nicht.

3 auf allen Fotografien, jede Sache – Zurück zuhause hatte Nadia Fotos von der Syrienreise drucken lassen und damit ein Poster gestaltet, das ironischerweise wie ein Vorhang aussah. Erinnerungen an ein wunderschönes Land, nun beschmutzt durch die Absurdität des andauernden Gemetzels.  

4 Rasafa – Das antike Sergiopolis, mitten in der syrischen Wüste, erschien wie eine Vision. Die gesamte Stadt, heute nur noch eine majestätische Ruine, besteht aus Kalzit, der das Sonnenlicht reflektiert.

5 kein einziges Indiz: wie – Das Video eines nächtlichen Überfalls von Marines auf das Haus eines Verdächtigen hat mich tagelang erschüttert. Es waren nur Frauen und Kinder im Haus, die im Video vor Angst schreien und weinen. Ein ganz gewöhnliches Haus, mit Bildern an den Wänden, Kinderspielzeug, einem Fernseher.  

6 in Hama gab es große Räder – Die Schöpfräder römischen Ursprungs in Hama haben einen Durchmesser von bis zu 18 Metern, eines der beeindruckendsten Zeugnisse aus der Antike, die heute noch zu sehen sind. die Jungen ließen sich von den riesigen Schaufeln der Schöpfräder, die immer noch in Gebrauch sind, in die Höhe heben und von dort sprangen sie ins Wasser des Orontes.

7 ihr Alten, unser Schicksal ist Scheitern – In Tadmor, einer Ortschaft in der Nähe der großen Ruinen von Palmyra, lächelten alte Männer die Touristen an oder belächelten diese.

Übersetzung von Lino Sibillano

Lino Sibillano – sieht sich in seinem Tun als  Grenzgänger und Brückenbauer – schreibend, übersetzend, vermittelnd. Zurzeit schreibt er in Lyrik und Prosa zum Themenkreis Migration, Identität und Zugehörigkeit.


Leonardo Tonini