Roman Bucheli

wurde 1960 in Emmenbrücke im Kanton Luzern geboren. Er studierte ab 1980 Germanistik und Philosophie an der Universität Freiburg (CH) und wurde 1994 mit einer Dissertation über den Lyriker Alexander Xaver Gwerder an der Universität Zürich promoviert. Er ist tätig als Journalist und Literaturkritiker für Schweizer Zeitungen. Ab 1994 arbeitete er als Redakteur beim Deutschen Literatur-Lexikon. 1999 wurde er Mitglied der Feuilleton-Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Er schreibt über deutsche Literatur aus der Schweiz und Deutschland, niederländische Literatur sowie über Kinder- und Jugendbücher dieser Länder.

Im Jahr 2020 wurde er in Anerkennung seines literaturkritischen Schaffens mit dem Premio Masciadri ausgezeichnet[1] und 2021 wurde Bucheli der Alfred Kerr-Preis für Literaturkritik zuerkannt.

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Wie ich vom fliegenden Robert den Regen lieben lernte und warum ich trotzdem nur noch selten mit dem Schirm vors Haus gehe

Vermutlich war er mein erster Held. Später folgten ihm andere: ein Stierkämpfer zum Beispiel, als ich einmal ein Jugendbuch über einen Torero las. Oder ein berühmter Geiger, vielleicht Menuhin, den ich am Fernsehen sah. So wollte ich auch werden! Stierkämpfer wurde ich dann doch nicht, Geiger schon, aber ein grottenschlechter, und ich hörte wieder auf damit. Mit Robert war es etwas anderes. Er blieb mein Held. Auch wenn ich ihm nicht nacheiferte. Was ich freilich gerne getan hätte, immer wieder. Bis heute. Vielleicht hat es mit dem fliegenden Robert aus Dr. Heinrich Hoffmanns «Struwwelpeter» zu tun, dass ich den Regen zwar manchmal etwas lästig finde, vor allem, wenn die Schuhe nass werden, alles andere ist mir egal, nur die Schuhe nicht. Im Grunde aber mag ich den Regen. Ich ahnte vielleicht immer schon, dass er mein Komplize sein könnte. Als ich Robert sah, wusste ich mit Bestimmtheit, dass der Regen und ich Verbündete waren. Der Wind freilich war mit im Bund, ohne ihn ging nichts. Ein langweiliger Landregen war einfach fade. Erst mit dem Wind kam Schwung in die Sache. Eigentlich mochte ich den «Struwwelpeter» gar nicht, nicht so jedenfalls, wie ich das Torero-Buch liebte. Das schmale, grossformatige Buch mit seinen schrecklich fatalen Bildergeschichten lag zu Hause meist unbeachtet herum. Ich las es nicht, wie ich andere Bücher las, ich blätterte darin und ohnehin nur aus Überdruss am Wetter oder am Dasein überhaupt. Es zog mich an und stiess mich gleichermassen ab. Ich fürchtete mich vor den Gestalten des Dr. Heinrich Hoffmann – und darum kam ich von ihnen nicht los. Nicht vom Suppenkaspar und nicht vom Friederich dem Wüterich; Paulinchen fand ich einfach zum Heulen, und am Hanns Guck-in-die-Luft mochte ich nur das letzte Bild, wo die Schultheke einsam auf dem See weiter und weiter davonschwimmt. Das regte mehr als alles andere meine Phantasie an. Der fliegende Robert war anders. Er fiel aus der Reihe. Mir schien, sooft ich die drei Bilder anschaute, mit denen die «Geschichte vom fliegenden Robert» erzählt wird, es könne kein trauriges Schicksal sein, das den waghalsigen Kerl ereilt, der da so sorglos mit dem Schirm in den Regen hinausgeht. Ich merkte es daran, dass ich selber gelegentlich mit dem Gedanken spielte, mich mutwillig mit dem Schirm in den vom Wind gepeitschten Regen zu stellen. Ich weiss nicht mehr, ob ich immer schon davon geträumt hatte, einmal vom Wind davongetragen zu werden, oder erst, seit ich Robert kannte. Unter all den traurigen Gestalten in Hoffmanns Kabinett des Grauens stellte ich mir Robert immer als einziges glückliches Kind vor. Unglücklich war er gewiss auch, jedoch auf seine Art, unglücklich wie ich selbst vielleicht, aber begabt mit einer unbändigen Sehnsucht. Ich glaubte etwas davon zu spüren, wenn ich mich selber in den Regen hinausbegab und unauffällig, zaghaft nur, ängstlich fast, dem Wind eine kleine Angriffsfläche bot, indem ich den Schirm ein wenig nach vorne oder hinten kippte. Schon zerrte die Naturgewalt daran, schon glaubte, ja hoffte ich, gen Himmel zu fliegen. Eher jedoch ging der Schirm zuschanden, als dass ich vom Boden abhob. Ich machte etwas falsch. Es ging mir mit Robert wie mit dem Torero und mit Menuhin: Es wurde aus allem nichts. Geblieben ist von jenen Tagen allein die Erinnerung an eine ferne Sehnsucht, als ich einmal wegfliegen wollte. Und vielleicht gehe ich auch darum heute lieber mit der Mütze in den Regen als mit dem Schirm. Wer weiss, ob ich nicht wieder auf dumme Gedanken kommen würde. Robert aber blieb mein Held. Und noch heute kann ich nicht glauben, dass stimmen soll, was Dr. Hoffmann über ihn schreibt: «Niemand hört ihn, wenn er schreit. / An die Wolken stösst er schon, / Und der Hut fliegt auch davon.» Wieso sollte er denn schreien, mein lieber Dr. Hoffmann, jetzt, wo er doch allem entflieht, was ihm nur Last und Pein war? Was kümmert’s ihn, dass auch der Hut davonfliegt? Eher jubelt Robert, da es himmelwärts geht, fernen Welten entgegen. Wer weiss, wo er dereinst landen wird? Der windschiefen Kirche mit Hahn und Kreuz (Dr. Hoffmann dachte vorsorglich ökumenisch) wird er jedenfalls keine einzige Träne nachweinen. Robert war der Erste in einer langen Reihe von Glückssuchern, denen ich später in vielerlei Verwandlungen wieder begegnen sollte: von Odysseus bis zu Gottfried Kellers grünem Heinrich, die in die Fremde gingen und zurückfanden; von Sylvia Plath bis Virginia Woolf, die an der Verzweiflung zugrunde gingen. Von alldem – neben eigenen Sehnsüchten – muss ich einen Vorschein in Robert gesehen haben. Hier gewann ich eine erste Ahnung davon, welchen Gefährdungen sich aussetzt, wer ins Freie zieht, was es heisst: sein Leben zu wagen. Vermutlich wusste Dr. Heinrich Hoffmann nicht so recht, was er mit dieser letzten seiner Geschichten angerichtet hatte. Er hatte das Buch ja nicht für die schwarzen Pädagogen späterer Zeiten geschrieben, die damit den Kindern einen Schrecken einjagen wollten. Im Gegenteil hat er jenen, die in seine Praxis kamen, vor der anstehenden Behandlung die Angst nehmen wollen mit dem Anblick noch viel schlimmerer Schicksale. Trotzdem ist das alles sehr fadenscheinig, was er da vorführt, vom Suppenkaspar bis zum Daumenlutscher. Man riecht den Zunder. Nur der fliegende Robert ist anders. Hier gelang dem Arzt – unwillentlich vielleicht – ein kleines Kunstwerk, weil die drei Bilder hinterrücks noch eine ganz andere Geschichte erzählen als bloss jene, die sich ihr Schöpfer ausgedacht hatte. Wieso sollte er nicht seine eigenen Träume darin aufgeschrieben und gezeichnet haben? Aber gewiss sind es die Fluchtgedanken seiner kleinen Patienten, die liebend gerne aus dem Wartezimmer in den Regen gesprungen wären, in der Hand einen Schirm, der sie fortgetragen hätte. Geblieben sind davon nur der Regen, der Schirm und der stille Wunsch, es einmal, nein, immer wieder Robert gleichzutun. Auf und davon. Nur nicht verhocken, schon gar nicht in den immergleichen Gedanken. Neues wagen. Unter einem blauen Himmel ist die Versuchung geringer. Der Regen gehört dazu, um ihm, schönes Paradox, zu entkommen. Nur den Schirm braucht es nicht mehr, davon bin ich geheilt, aber das Bild vom fliegenden Robert muss ich vor Augen haben, wie er im Regen kunstvoll davonsegelt. Allein deswegen möchte ich den Regen nicht missen. Aber irgendwann ist dann auch mal gut.

Erschienen in der NZZ vom 17. Juli 2021